Editor's Introduction
The following text is a slightly edited version of the preface to K. L. Reinhold's Sendschreiben an J. C. Lavater und J. G. Fichte über den Glauben an Gott (Hamburg: Friedrich Perthes, 1799). This short work is of interest because it introduces two of Reinhold's writings on the atheism controversy. In particular, the preface contains several remarks about F. H. Jacobi not found in Reinhold's letter to Fichte.
Reinhold's entire letter to Fichte is available in Fichte's Gesamtausgabe, vol. III/3, pp. 307-320.
The original pagination (pp. 3-8 of Reinhold's book) has been inserted in square brackets. Reinhold's use of italics, which is excessive by modern standards, has been faithfully followed here.
[p. 3] Lavater1 und Fichte haben den Verfasser aufgefordert, über den der Philosophie des letztern angeschuldigten Atheismus öffentlich seine Meynung zu sagen. Diese Meynung ist nun theils in der zunächst für das philosophische Publikum bestimten Schrift über die Paradoxien der neuesten Philosophie, theils in den gegenwärtigen beyden Antwortschreiben enthalten. Das Eine, an Lavater, welches jene Philosophie vor dem lebendigen Glauben des Gewissens zu rechtfertigen unternimmt ist zunächst den Gläubigen aus dem [p. 4] gebildeten Publikum , das Andere, an Fichte,2 welches die Unabhängigkeit des lebendigen Glaubens von allem spekulativen Wissen vertheidiget, ist zunächst den Kennern und Freunden jener Philosophie gewidmet.
Für Fichte selbst zwar durfte die er wähnte, von ihm völlig anerkannte, Unabhängigkeit nicht erst bewiesen werden. Aber bey den manigfaltigen Mißhandlungen, die ihm sein angeblicher Atheismus zugezogen hat und zuzieht, schien es nicht überflüssig, den gekränkten Mann darauf aufmerksam zu machen: daß und in wie fern nicht blos in dem bisherigen Zustand unseres gelehrten, philosophischen, und theologischen Wissens, sondern auch so lange dieser Zustand fortdauert zum theil in dem lebendigen Glauben des [p. 5] Gewissens selbst, gegen die neue spekulative Erklärung dieses Glaubens Bedenklichkeiten vorhanden sind, die sich nur diejenigen zu heben vermögen, welche sowohl mit dem spekulativen Wissen als mit dem lebendigen Glauben, und der gegenseitigen Unabhängigkeit beyder von einander, bis zu einem gewissen Grade vertraut sind.
Noch nöthiger scheint es diejenigen3 unter Fichtes Anhängern,4 die nach der bekannten Weise der Anhänger geneigt seyn dürften, die Bedeutung und den Werth ihrer guten Sache zu übertreiben, darauf merksam zu machen: daß die Selbstständigkeit des philosophischen Wissens, die ihnen so sehr am Herzen liegt, nur dann und in so ferne in der Wirklichkeit durchgesetzt werden könne, wann und in wie ferne der Philosoph, [p. 6] als Mensch, die Selbstständigkeit des lebendigen Glaubens an Gott in der unbedingten Unabhängigkeit desselben von aller Spekulation kennt, und anerkennt.
Man würde den Verfasser völlig mißverstehen, wenn man seinen Standpunkt zwischen Fichte und Jacobi, von dem er in dem Brief an Fichte redet, für einen besondern, und neuen philosophischen Standpunkt hielte, den er anstatt des Jacobischen oder Fichteschen wählen zu müssen, und aus welchem er ein Coalitionsystem, ein Mittelding, zwischen beyden Denkarten aufstellen zu können glaubte. Er hält vielmehr, den Fichteschen Standpunkt für den einzig möglichen zum Behuf des ächten, und durchaus consequenten, spekulativen Wissens: so wie er denjenigen, den Jacobi dem- [p. 7] selben entgegenstellt, für den ursprünglichen Standpunkt der lebendigen Ueberzeugung des Gewissens erkennt. Jener dritte Standpunkt (der des Verfassers) ist nun kein anderer als der eines Menschen, welcher, nachdem er die Unabhängigkeit des spekulativen Wissens und des lebendigen Glaubens von einander anerkannt hat, beyde mit einander vergleicht, zum Behuf dieser Vergleichung sich über beyden schwebend er hält, und insoferne manches behaupten muß, was diejenigen, welche entweder nur das Eine, oder nur den Andern allein im Auge haben, weder verstehen noch wahr finden können.
Der geistvolle Verfasser der Briefe über die Lehre des Spinoza an Moses Mendelsohn, und des Gespräches David Hume über den [p. 8] Glauben oder Idealismus und Realismus ist, wie ich nun einsehe, bisher unter allen philosophische Schriftstellern der Erste und Einzige gewesen, der sich auch auf jenen vergleichenden Standpunkt mit klarem Bewutsein gestellt, und unverrückt auf demselben erhalten hat, seitdem er dir Worte des Paskal, La nature confond les Pyrrhoniens et la raison confond les Dogmatistes. Nous avons une impuissance à prouver invincible à tout le dogmatisme. Nous avons une idée de la vérité invincible à tout le Pyrrhonisme. zu seinem grossen Thema machte. Mit Dank, Ehrerbietung und Liebe reiche ich Ihm die Hand, dem Philosophen und dem Gläubigen.
Kiel den 15. May 1799.
Editor's Notes
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2A comma has been inserted here.
3A comma has been omitted here.
4A comma has been inserted here.
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